Die Gemeinde – Eine hilflose Herde?

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Christus, der gute Hirte“ Mosaik von ca. 430 n. Chr. Es befindet sich im Mausuleum (Begräbnisgebäude) der römischen Kaiserin Gala Placidia. Foto von Marilyn Stokstad.

In der Bibel wird die Gemeinde oft mit einer Schafherde verglichen, weil das Konzept der „Gemeinde“ als Volk Gottes aus dem Alten Testament stammt. Die Herde ist eine Metapher, die häufig in den Psalmen, den Propheten und auch im Neuen Testament genutzt wird. Dieses Bild wird wenig analysiert und es ist manchmal schwierig es am Gemeindeleben zu erkennen.

Die Psalmen beschreiben, wie Gott sein Volk als Hirte geführt hat: „Du führtest dein Volk wie eine Herde Schafe durch Mose und Aaron.“ (Ps 77,20). Der Psalmist, der sich an die Geschichte seines eigenen Volkes erinnert, vergleicht sie rückblickend mit dem Bild einer Herde, die das Volk Gottes darstellt. Es ist bemerkenswert, dass Gott Mose und Aaron gebrauchte, um seine Herde zu führen. Auch die Propheten verwenden häufig das Bild einer Herde, die das Volk Gottes darstellt.

Auf diese Weise wird Gott als Hirte beschrieben, der seine Lämmer pflegt: „Er sorgt für sein Volk wie ein guter Hirte. Die Lämmer nimmt er auf den Arm und hüllt sie schützend in seinen Umhang. Die Mutterschafe führt er behutsam ihren Weg.“ (Jes 40,11). Der Prophet Hesekiel versucht, seinem Volk mit der gleichen Metapher zu erklären, dass Gott auch im Exil mit ihnen ist: „Ja, ihr seid meine Herde, und ich bin der Herr, euer Gott; ich führe euch auf gute Weide. Darauf könnt ihr euch verlassen!“ (Hes 34,31). Der Prophet stellt die Herde Gott gegenüber; die Herde ist menschlich, während ihr Hirte und Eigentümer Gott ist.

Dies macht die Frage, warum Jesus im Neuen Testament als Hirte und die Menschen als seine Schafe bezeichnet werden, praktisch überflüssig. Natürlich benutzt er diese Metapher des Alten Testaments, indem er sie auf sich selbst bezieht. Es gibt eine kleine Änderung in der Metapher, eine Abweichung, und der Wendepunkt ist Jesus. Die Metapher wird noch radikaler, weil dieser Hirte, der Gott-Mensch ist, also Jesus, selbst zum geopferten Lamm wird. Der Hirte, der zum Lamm wird. Seit Jesu Leben hier auf der Erde stellt sich immer wieder die Frage: Was nützt ein Hirte, wenn er zum Lamm wird? Was nützt ein leidender Messias? Wenn jemand vor die Wölfe geworfen wird, werden es nicht nur die Schafe sein, sondern der Hirte selbst wird vorangehen!

Ein kurzer Blick auf die Texte, in denen dieses Bild verwendet wird, zeigt, dass es sich in fast allen Texten, in denen die Menschen oder die Gemeinden als Herden beschrieben werden, hauptsächlich um die Hirten dieser Herden handelt. Bereits in den Psalmen liegt der Schwerpunkt auf Gott, dem Hirten, wie wir oben bereits gesehen haben. Ebenso bringen die Propheten die Herden niemals zur Sprache, ohne die Hirten zu betonen. Der bekannte Psalm 23 zeigt die gleiche Betonung: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er weidet mich auf saftigen Wiesen und führt mich zu frischen Quellen.“ (Ps 23,1-2) Da es sich in diesem Psalm hauptsächlich um den guten Hirten handelt, geht es nicht so sehr um die Schafe, obwohl der Psalmist sich selbst mit einem Schaf identifiziert. Es gibt keine Bibelübersetzung, die dem Psalm 23 die Überschrift „Das gesegnete Schaf“ gibt. Der Mittelpunkt ist der Hirte.

Die Propheten betonen die Rolle des Hirten in fast jeder Situation, in der sie die Metapher der Herde verwenden. Mit den Hirten in den Metaphern können auch, wie oben erklärt, die Anführer eines Volkes gemeint sein. Wir finden in den Propheten mehrere Botschaften an die Anführer des Volkes Gottes. Der Prophet Sacharja zum Beispiel ruft aus: „Gott sagt: Über die Hirten meines Volkes bin ich voller Zorn, und auch die Leitböcke der Herde werde ich zur Rechenschaft ziehen. Denn ich, der Herr, der allmächtige Gott, will mich wieder meiner Herde annehmen und gut für das Volk von Juda sorgen. Ich mache es zu meinem prächtigen Schlachtross, mit dem ich in den Kampf ziehe.“ (Sac 10,3)

Wenn man sich das Neue Testament anschaut, findet man nicht viel andere Situationen. Der Herr Jesus ermutigt die Seinen: „Du brauchst keine Angst zu haben, du kleine Herde! Denn der Vater hat beschlossen, dir sein Königreich zu schenken.“ (Luk 12,32) Wieder handelt es sich um den Vater, der Hirte hat hier den größten Wert, während die Herde als klein und hilflos beschrieben wird. In dem Vers steht die Entscheidung des Vaters im Mittelpunkt, was die Herde trösten soll. Der Apostel Paulus beschreibt die Gemeinde auf ähnliche Art und Weise, als er sich von der Gemeinde in Ephesus verabschiedet bevor er nach Jerusalem zurückkehrt, wo er dann schließlich den Obrigkeiten übergeben wird: „Denn ich weiß: Wenn ich nicht mehr da bin, werden sich falsche Lehrer in die Gemeinde einschleichen und wie reißende Wölfe über euch herfallen.“ (Apg 20,29). Die zentrale Eigenschaft der Herde ist wiederum die Hilflosigkeit, die in den verschiedenen Ereignissen bestehen bleibt. Es scheint, als könnte die Herde nichts tun, um das Kommen der Wölfe zu verhindern.

Fresko in der Sankt Paul vor den Mauern Basilika (Rom). 5. Jh.

Ist es nicht erstaunlich, wie Paulus und Jesus ihre eigene Gemeinde als hilflos beschreiben? Könnte es sein, dass unsere Gemeinde auch so hilflos ist? Oder ist  diese Art von Gemeinde für uns keine Option? Könnte es sein, dass eine Gemeinde eine starke und gesunde Gemeinschaft werden kann, die ihren guten Hirten fast nicht mehr braucht? Möglicherweise scheint unsere Gemeinde vorerst stark zu sein, aber das kann sich sehr schnell ändern. Die Flammen in Paris und Loma Plata haben in wenigen Stunden enorme Investitionen zunichte gemacht (ich hätte nie gedacht, dass ich nochmal Paris und Loma Plata im selben Satz erwähnen würde). Gemeinden können sich schnell verändern, so auch die politische Situation in einem Land. Die Frage, die bleibt, ist: Wem vertrauen wir? Unseren Kräften und den Strukturen? Den Hirten des Staates? Den Predigern die unterhaltsam und lustig predigen? Auf welchen Hirten hören wir? Folgen wir der Stimme unseres Guten Hirten? Timotheus wurde gerufen, um der Gemeinde zu helfen, den Wölfen in Ephesus standzuhalten (1 Tim 1,3). Aber, wie viel Verteidigung konnte er leisten? Die christliche Erzählung besagt, dass Timotheus bei einem Angriff einiger Gruppen getötet wurde, die Christen mit Stöcken und Steinen töteten. Ich stelle mir vor, dass Timotheus sich gefragt haben muss: Wie können wir unserem Guten Hirten folgen, ohne selber zu einem der wilden Wölfe zu werden, die zurückschlagen?

Die Überlieferung über den Tod von Timotheus stammt aus der mittelalterlichen Periode des Jahres 1260 aus dem Flos Sanctorum das später, von Jacobus de Voragine, auch Libro de las vidas de los santos genannt wurde:


Timotheus: der Priester von Ephesus war … bei einer Feier der Heiden, bei der maskierte Personen eine barbarische Grausamkeit gegen die Männer und Frauen ausübten, durch die Straßen rannten und den Leuten mit Maches (Knüppel), die sie in den Händen trugen, viele Schläge verpassten und viele von ihnen töteten; wies der heilige Priester sie zurecht und versuchte diesen sakrilegen Wahnsinn zu stoppen; mit großer Grausamkeit und Heftigkeit zerrten sie ihn und ließen ihn tot zurück. Die Christen kamen und stellten fest, dass er nach Luft schnappte, kurz danach übergab er seinen Geist dem Herrn, dann wurde sein Körper an einem Ort namens Pion mit viel Schmerz und Hingabe von den Gläubigen begraben.

Flos Sanctorum oder auch Libro de las Vidas de los Santos, Seite 125


Timotheus wie er mit Knüppeln getötet und dann von einigen Glaubensbrüdern begraben wird. Manuskript von Konstantinopel, 1025-50 n.Chr.

Der Glaube an Jesus wurde in Apostelgeschichte 19,9 als „der Weg“ bezeichnet. Dies zeigt, dass es eine Nachfolge Christi ist. Es ist nicht nur eine Entscheidung, sondern die Entscheidung ist der Anfang und das Folgen ist das Leben. Nicht ohne Grund wurden Jesu Auserwählte Jünger (μαθητής) genannt, was Lehrlinge bedeutet. Es war eine Schule fürs Leben. Besonders für Petrus, der mehrere Male stolperte indem er den Herrn dreimal verleugnete und dann ein Problem zwischen Judaisierern und Heiden verursachte (Gal 2,11-13). Petrus lernt immer wieder, was es heißt, dem Guten Hirten bis an sein Lebensende zu folgen.

Die Maches wurden wegen dem, was sie darstellten so genannt. In der griechischen Mythologie waren diese die Dämonen des Kampfes. Das „Beschwichtigen die Götter“, auf das sich das Flos Sanctorum bezieht, war wahrscheinlich diese Art von Ritualen die aus Terror- und Vandalismus-Attacken bestand. In Ephesus gab es außerdem noch die Amazonen, die „Menschenmörder“ genannt wurden und für ihre Rituale Menschen umbrachten um dadurch Artemis, die Göttin der Jagd, der Jungfräulichkeit, der Geburt und der Heilung kranker Frauen, zu ehren. (R. Clark Kroeger & C. Clark Kroeger, 2004, Lehrverbot für Frauen?, S. 237) Obwohl die Gewalt in Ephesus etwas übertrieben scheint, hilft sie dabei zu verstehen, warum die Jünger und sogar einige Beamte der Provinzverwaltung Paulus davor warntensich in der Öffentlichkeit zu zeigen.“ (Apg 19,29-31) als der Aufruhr in Ephesus wegen der „Großen Artemis“ entstand. Der Kriegsschrei der Maches endete mit dem Tod von Timotheus. Aber weder Jesus noch Paulus noch Timotheus schlossen sich diesem Kriegsschrei an.

Jesus sagt: „Ich bin der gute Hirte. Ein guter Hirte setzt sein Leben für die Schafe ein.“ (Joh 10,11) Der gute Hirte ist nicht derjenige, der die Waffen ergreift und verteidigt, sondern derjenige, der sich aus Liebe zu seinen Schwestern und Brüdern vor die Wölfe wirft. Nicht um den Wölfen folgen, sondern um bis zum Ende treu zu bleiben. In Jesus wird nicht nur Gott zum Mensch, sondern auch ein Hirte zum Lamm. Das geopferte Lamm, das ist unser Guter Hirte. Wir, seine hilflosen Schafe, sind nur dann in Sicherheit, wenn wir bei unserem Hirten sind. Jesus hatte Mitleid mit den Menschen, weil sie keinen Hirten hatten: „Und Jesus ging heraus und sah das große Volk; und es jammerte ihn derselben; denn sie waren wie die Schafe, die keinen Hirten haben.“ (Mar 6,34) Vorsicht damit, anderen Hirten nachzulaufen, die nicht die Stimme des Guten Hirten widerspiegeln. Lasst uns bei dem Guten Hirten bleiben! Nur so können wir gerettet werden:


An jenem Tag wird Gott, der Herr, sein Volk retten. Er sorgt für sie wie ein Hirte für seine Herde. Wie funkelnde Edelsteine in einer Königskrone schmücken sie künftig sein Land!

Sacharja 9,16


Der Siegesschrei der Gemeinde ist nicht wie in Kriegen, sondern der Siegesschrei derer, die Jesus nachfolgen, ist anders:


Während der bekannte Chapulín Colorado „folget mir, ihr Guten“ ausruft, ruft der Gute Hirte „folget mir, ihr Hilflosen“. 


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